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Full text of "Artist 93 Nov 2012"

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kunstmaaazin 



No.93, November 2012 -Januar 2013 

Elianna Renner 

Textauszug 



Elianna Renner ist eine Geschichts- und Geschichtenerzählerin. Sie verfolgt 
Erinnerungsstränge, die in ihrer Familie weitergetragen werden, sie knüpft an 
Alltagserlebnisse an, in denen sich Konflikte verdichten, in die sie als Jüdin verstrickt ist. Sie 
greift Zeichen und Klischees auf, die Wahrnehmung leiten und das Erkennen vernebeln. Mit 
Performance, (Audio-)Installation, Fotografie und Film und in konzentrierten formalen 
Lösungen gelingen der 1977 in Zürich geborenen Künstlerin nicht nur eindringliche 
Geschichten, sondern auch präzise Reflexionen von Recherche und Narration. Mit 
konzentrierten formalen Lösungen, in denen sie Oral History mit einer reduzierten Ästhetik 
verbindet, rückt sie Akteure, Orte, Szenen und das Material von Erinnerung und Erzählung, 
Sprache und Bild nämlich, gleichermaßen spielerisch und offen wie chiffrenreich und 
konturenscharf ins Licht. 

Mit dem Projekt »Ein Eintausendsechshundertfünfundachtzigstel«, Fotografie und 
Audioinstallation, ging Renner an den Ort der 

Jugend ihrer Großmutter. Nagyi Klari lebte bis 1944 in Budapest und wurde dann mit dem 
Kasztner-Transport erst nach Bergen-Belsen und anschließend in die Schweiz verbracht. 
Renner besuchte die ungarische Hauptstadt und bat Passantinnen und Passanten in der Straße, 
in der ihre Großmutter gelebt hatte, auf einem großen Notizzettel eine Grußbotschaft an die 
alte Frau zu richten. An diese Bitte schlössen sich Gespräche an, Erinnerungen wurden 
freigesetzt, verbunden mit Tränen aber auch ausgelassenem Lachen. Die Fotografien der 
Gesprächspartnerinnen mit ihren Grüßen überreichte Renner schließlich der Großmutter. Ein 
Audiodokument gibt deren Reaktion wieder. Die alte Frau, die bislang über ihre Jugend 
geschwiegen hatte, übersetzte die Grüße, mokierte sich über manchen Schreibfehler und 
begann schließlich zu erzählen. Die Arbeit gab den Impuls zum Titel der Ausstellung, die 
anlässlich des Förderpreises in der Städtischen Galerie Bremen ausgerichtet wurde: »Bobe 
Mayses«, was mit »Omas Erzählungen« übersetzt werden könnte, aber auch mit »Geschichten 
erzählen« im Sinne von Erfindungen, im Sinne von »einen Bären aufbinden«. Fund und 
Erfindung liegen in den Arbeiten Renners wie in jeder Erinnerung stets eng beieinander, 
ebenso Ernst und Humor. Hinter einer vermeintlich einfachen, in jedem Fall klaren und 
übersichtlichen Oberfläche öffnet sich ein weiter Assoziations- und Gedächtnisraum. 

Mit der vierteiligen Video-Installation »Cheerleading« bietet Renner auch eine sehr spezielle, 
quer zum historiographischen Mainstream liegende Form an, Persönlichkeiten der Geschichte 
in das aktuelle Bewusstsein zu rücken und Erinnerungsarbeit selbst zur Disposition zu stellen. 
Es klingt und sieht aus wie das bekannte kreischige US-amerikanische Anfeuerungsspektakel. 
Junge Frauen im sportiven Einheitsdress schwingen Pompons, zelebrieren Moves und 
schmettern Buchstabenfolgen. In Renners Filmen skandieren die SportSchau-Mädels aber 



keine Aufbau-Slogans für Teams, sondern cheeren die Namen von Schriftstellerinnen, 
Künstlerinnen und Frauenrechtsaktivistinnen. Die Gegenüberstellung der Videos suggeriert 
eine wechselseitige Anfeuerung der Cheerleader. Schon charmant, die weiblichen Größen von 
einst so leichtfüßig und fröhlich gefeiert zu sehen und zu hören, zudem von nachgeborenen 
Schwestern, denen wohl eher kein historisch-politisches Bewusstsein und keine feministische 
Optik zugeschrieben werden. Vita und Leistung von Frauen in Erinnerung zu rufen, nimmt 
die Künstlerin hier ziemlich wörtlich. In der offenen und öffentlichen Form wird die Strategie 
der Künstlerin erkennbar, keine hehren und herkömmlichen Monumente für große oder zu 
Unrecht vergessene Namen zu errichten, sondern die Erinnerung immer wieder neu 
durchzubuchstabieren und im Fluss zu halten, das Leben der historischen Figuren immer 
wieder neu zu lesen, deren Leistungen keinem Dogma und keiner starren 
gesellschaftspolitischen Perspektive unterzuordnen. 

Rainer Bessling 

Artist - Kunstmagazin, Heft 93, November 2012 - Januar 2013 
http://www.artist-kunstmagazin.de/?show=ausgabe&id=109&did=557&typ=text